Von Syrien nach Essen zum Medizinstudium – Amer Nashtars Geschichte

„Ich studiere leidenschaftlich gern in Essen Medizin“, sagt der 22-jährige Amer und strahlt über das ganze Gesicht als wir ihn treffen. Ganz zufällig ist er nicht zur Medizin gekommen, er stammt aus einer Arztfamilie: seine Eltern sind Zahnärzte, eine seiner älteren Schwestern studiert ebenfalls Medizin, die andere Zahnmedizin. Aber Mohamad Amer Nashtar ist aber trotzdem kein Student an unserer Fakultät, der einem der gängigen Klischees entspricht. Er kam 2015 mit 17 Jahren als minderjähriger Flüchtling aus einer syrischen Stadt namens Hama nach Deutschland. Und nun?
Seit einem Jahr arbeitet er in der Kardiologie am Medizinischen Forschungszentrum, um seine Doktorarbeit über Atherosklerose zu schreiben. „Amer ist ein wirklich engagierter Doktorand, der mit viel Enthusiasmus arbeitet und viele eigene Ideen einbringt“, lobt PD Dr. Martin Steinmetz, der Amers Promotionsvorhaben im Labor betreut.

Den Tipp, uns mit ihm zu unterhalten, erhielten wir von Prof. Hideo Baba vom Institut für Pathologie, der uns Amer als herausragenden Studenten und echten Überflieger beschrieb. „Ach, ich hatte schon immer gute Noten. Ich hatte schon ein Einser Abi und ein Einser Physikum “, winkt Amer ab und tut als sei das gar nichts Besonderes. „Ich hänge mich halt rein und teile meine Zeit sinnvoll ein.“ Dass Amer für die Medizin brennt, haben auch andere erkannt – seit zwei Jahren erhält Amer ein Begabten-Stipendium des evangelischen Studienwerk Villigst.

Wir möchten wissen, warum er sich für Essen entschieden hat. Wegen seiner guten Noten hätte er auch Zusagen aus Marburg und Tübingen gehabt. Er hat sich aber bewusst für das Ruhrgebiet entschieden. „Ich wusste, dass Essen zum Beispiel in der Krebsforschung stark ist. Und die Universität ist wirklich toll, die Dozenten und die Ausstattung sind sehr gut, das war genau die richtige Entscheidung. Und weil im Medizinstudium ohnehin alle dieselben Themen und Sorgen haben, habe ich auch sehr schnell Freunde gefunden.“

Hier frage ihn niemand woher er komme. „Wenn jemand fragt, dann meist erst nach langer Zeit“, erzählt er. „Und meistens werde ich dann erstmal für einen Franzosen gehalten, mein Akzent klingt wohl leicht französisch. Wenn ich dann erkläre, nein, ich bin aus Syrien, dann sind die Leute schon etwas erschrocken. Ich passe wohl nicht in die übliche Schublade.“

In Deutschland habe er nur positive Erfahrungen gemacht. „Ich persönlich habe mich nie aufgrund meiner Herkunft diskriminiert bzw. benachteiligt gefühlt“, sagt er und listet einige Dinge auf, die viele für selbstverständlich halten. „Ich finde es toll, dass man hier, wie ja vielerorts in Europa, die absolute Freiheit und Unabhängigkeit hat. Und dass sich Leistung lohnt, wenn ich mich anstrenge, dann kann ich mir auch sicher sein, dass sich das auszahlt.“ Außerdem sei der gegenseitige Respekt hier sehr hoch, das schätze er sehr.

Auch einen echten Kulturschock habe er so nicht erlebt, sagt er uns. „Natürlich muss man sich am Anfang an alles gewöhnen“, erzählt er. „Vieles ist ungewohnt, aber das bringen solche Veränderungen im Leben eben mit sich.“ Erst auf unsere Nachfrage fällt ihm dann noch ein negativer Punkt ein: doch, zu Beginn sei er vielleicht auch etwas einsam gewesen. Denn bevor er nach Essen kam, ist Amer erst einmal in Baden-Württemberg gelandet, in einem Jugendheim in Böblingen bei Stuttgart. Sein älterer Bruder ist einen Monat vor ihm nach Deutschland gekommen. „Aber wir sind nicht in dieselbe Unterkunft gekommen“, berichtet Amer. „Der arbeitet jetzt als Informatiker in Heidelberg.“

In Syrien hatte Amer bereits sein Abitur, das Baccalaureate, mit 1,0 bestanden. Ein kluger, ambitionierter junger Mann. Das Einzige, was ihm fehlte, waren Deutschkenntnisse. „Ich habe erstmal wirklich nichts verstanden“, sagt er rückblickend. Aber ohne eine gültige Aufenthaltsgenehmigung ist es nicht möglich, Deutschkurse zu belegen. Stattdessen müssen Minderjährige in Deutschland „ganz normal“ zur Schule gehen. „Deshalb war ich für neun Monate auf einem Gymnasium in Sindelfingen bei Stuttgart “, erzählt Amer.

In der Schule und beim Fußball hat er schnell Anschluss gefunden. Mit gültiger Aufenthaltsgenehmigung konnte es dann weitergehen – Amer hat eine Deutschklasse für Anfänger besucht, hat zusätzlich, wie er sagt „ein bisschen selbst gelernt“ und auf der Sprachschule in Stuttgart hat man ihn dann bereits auf das Sprachniveau C1 eingestuft. Das ist wichtig, denn vor Studienstart müssen ausreichende Deutschkenntnisse nachgewiesen werden.

Ende 2016 hat er dann den TestDaF abgelegt – aber die Einschreibungsfrist für das Sommersemester war bereits abgelaufen. „Ich wollte die Zeit sinnvoll überbrücken und habe mich deshalb ehrenamtlich beim DRK in Böblingen engagiert und ein dreimonatiges Pflegepraktikum absolviert. Und nebenbei habe ich ein bisschen Theater in der Kunst- und Musikschule in Böblingen gespielt“, sagt Amer. Und „ein bisschen“, das ist bei ihm immer ein bisschen mehr – in einer Aufführung hat der Multitasker gleich drei Rollen gespielt. „Jetzt wohne ich im Studentenwohnheim und bin voll auf das Studium konzentriert.“

Amer ist sportlich. Beim TUSEM Essen hat er einige Jahre auf Bezirksliganiveau Fußball gespielt. Aber beim Fußball kann es mitunter rau zugehen und Amer hat sich dabei diverse Sportverletzungen eingehandelt. „Ich will doch eigentlich Arzt werden und Menschen gesund machen und nicht selbst im Krankenhaus liegen“, lacht er. „Deshalb ist mir Fußball auf Dauer zu gefährlich geworden, auch wenn es wirklich viel Spaß gemacht hat.“ Jetzt hat er auf Badminton beim Hochschulsport und Kraftsport umgesattelt.

Ob er uns sagen könne, wo er sich heute zuhause fühlt? „Syrien bleibt natürlich mein Heimatland, aber ich kann mir nicht vorstellen, dahin zurückzugehen“, resümiert Amer. Er sei ja im Grunde hier erst erwachsen geworden, habe hier sein Leben selbst organisiert – das hätten früher, zur Schulzeiten, seine Eltern übernommen. „Mit Bürokratie kenne ich mich in Deutschland viel besser aus, da wüsste ich in Syrien nicht, wie das alles funktioniert.“, lacht Amer.

Seine Zukunft sieht er in Deutschland. „Ich würde gern künftig in der Forschung bleiben und ein guter Kardiologe werden. Das geht in Syrien so nicht, da sind die Möglichkeiten sehr begrenzt. Die Situation im Land ist in vielerlei Hinsicht schlecht, aber ich bin froh, dass es meiner Familie dort einigermaßen gut geht: meine Geschwister studieren und meine Eltern arbeiten. Aber ich habe mir hier in Deutschland in den vergangenen fünfeinhalb Jahren mein Leben aufgebaut und wenn man sich etwas aufgebaut hat, will man da ja nicht wieder weg. Auch wenn ein Großteil meiner Familie in Syrien ist.“

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