Programmierter Höhepunkt

Sie sind Haushaltshelfer und Spielgefährte – und bald auch Partner fürs Leben? Jessica Szczuka will wissen, wie viel Lust und Liebe wir für Roboter empfinden können.

Jessica Szczuka ist erst fassungslos, dann wütend. Kurzfristig wird die Konferenz Love and Sex with Robots in Malaysia abgesagt. „Es ist nichts Wissenschaftliches daran, mit Maschinen Sex zu haben!“, so der zuständige Polizeichef. Von wegen, denkt Sozialpsychologin Szczuka– und weiß jetzt, wozu sie forschen will.

Drei Jahre später ist die 29-Jährige mit ihrer Dissertation zur sozialen Wirkung von sexualisierten Robotern fast fertig. Am Schmuddelimage ihres Themas hat sich nicht viel geändert. Jessica Szczuka klickt sich energisch durch eine Reihe von Bildern für ihre Studien. Leicht bekleidete Frauenkörper, teilweise echt, teilweise aus Silikon, beides kaum zu unterscheiden. „Sie wollen nicht wissen, wie mein Google-Verlauf aussieht“, lacht sie, „aber es ist ein legitimer und relevanter Forschungsbereich, wir haben was nachzuholen! Seit Jahren analysiert man Roboter im Haushalt, im Altersheim, in Assistenzsystemen, im Kinderzimmer. Aber an eine der naheliegendsten Anwendungen, nämlich zur sexuellen Befriedung, hat man sich anscheinend noch nicht herangetraut.“

Szczuka klickt ein Video der US-Firma realbotix an. Zu sehen ist Harmony, der Star des Sexpuppenensembles. Denn Harmony hat ihren Silikonkolleginnen etwas voraus: Sie kann ihre Augenbrauen heben, Mund und Augen öffnen und die Lippen bewegen. Viel Brauchbares kommt noch nicht heraus, aber bis zum Rezitieren von Shakespeare soll es nicht mehr lange dauern. Ihr Kopf steckt voller künstlicher Intelligenz. Die hilft ihr durch Sprache und Bewegung so zu tun, als sei sie eine echte Persönlichkeit – von wahlweise schüchtern bis forsch. Bald schon soll sie auch ihren nach Kundenwünschen geformten Körper bewegen. Das hat seinen Preis: Die Standardpuppen gibt es für rund 15.000 US-Dollar, gebrauchte sind günstiger, Pornostars nachempfundene kosten schnell das Doppelte. Harmony wird noch teurer und könnte auf dem 30-Milliarden-Dollar-Markt Gold wert sein – zumindest für ihre Schöpfer.

Ob deutsche Männer auch kaufwillig sind? Das wollte Szczuka mit ihrer Doktormutter Professorin Nicole Krämer in einem kleinen Stimmungstest herausfinden. Sie fragten 229 Männer, ob sie sich vorstellen könnten, jetzt oder innerhalb der nächsten fünf Jahre solch einen Roboter zu kaufen. „Ich bin davon ausgegangen, dass die Akzeptanz extrem gering sein muss.“ War sie aber nicht. 40 Prozent stimmten zu – Harmony kannten sie übrigens nicht. Alles einsame Herzen, die im wahren Leben keine Frau abkriegen? „Die Daten, die wir gesammelt haben, belegen das nicht. Auch nicht, dass die Männer soziale Defizite haben.“ Frauen zeigen übrigens genauso Interesse an Sexrobotern, sind als Kundinnen aber noch nicht relevant genug. „Realbotix hat auch vier männliche Modelle im Angebot, die können optisch mit den Frauen aber kaum mithalten.“

Ein Vibrator in Puppenform oder Liebe?

Warum kaufen Männer ein 50 Kilo schweres Metallgerippe verkleidet als Traumfrau? Szczuka macht das von der sozialen Motivation des Einzelnen abhängig: Der eine sucht Befriedung, der andere eine Gefährtin. Wem es um die Lust geht, der muss sich seine konfektionierte Bettgefährtin leisten können oder geht in sogenannte Bordolls. Hier haben Puppenliebhaber in immer mehr Städten ihren Spaß. Doch was sind die Sexpuppen für die Männer? Eine Art Hure? „Ich würde niemals Prostitution mit Sexrobotern gleichsetzen“, betont Szczuka, „aber Roboter haben, z.B. den Vorteil, dass man seine sämtlichen sexuellen Bedürfnisse ausleben kann, ohne bewertet oder abgelehnt zu werden.“ Die stummen Ja-Sagerinnen sind auch immer einsatzbereit. Kritiker und Feministinnen fürchten, dass so Hemmschwellen sinken, sexuelle Belästigung und Vergewaltigungen zunehmen und Frauen zum Objekt degradiert werden. Studien gibt es dazu noch nicht. Doch je mehr Maschinen in unser (Liebes)Leben Einzug halten, desto mehr werden Ethiker und Juristen gefragt sein, Grenzen zu ziehen.

Was ist, wenn die Sehnsucht über Körperöffnungen und Silikonbrüste hinausgeht, wenn Harmony und Co. die ersehnte Partnerin ersetzen? Kann man eine Puppe lieben, wie es der Begriff Agalmatophilie benennt? „Das ist nicht unmöglich, aber es wird sehr schwierig sein, dass der Roboter einen glauben macht, er verfolge eigene Ziele, er kümmere sich und gehe auf sein Gegenüber ein, so wie es ein echter Partner oder eine Partnerin tut. Da braucht es schon eine sehr komplexe Datenstruktur, um das authentisch wirken zu lassen.“

Männliche Blicke, weibliche Eifersucht

Ob Triebbefriedigung oder Liebe, mit dem Aussehen fängt alles an. Nur wer uns optisch anspricht, kommt als potenzieller Partner in Betracht – auch Roboterfrauen in Unterwäsche. Das zeigt ein von Szczuka durchgeführtes Affective-Priming-Experiment. Die 41 Probanden sahen einschlägige Bilder von gut erkennbaren weiblichen Androiden sowie von Frauen und sollten danach schnellstmöglich Wörter zum Thema Attraktivität einsortieren. Die Überraschung: Das Gedankenkarussell dazu drehte sich bei den Teilnehmern, unabhängig davon, ob es durch die weiblichen Kurven einer Frau oder eines Roboters in Gang gesetzt wurde.

Wandern denn die Blicke der Männer genauso über die weiblichen Körper wie über die aus Silikon? „Das Spannende: So ist es nicht“, erklärt Szczuka „Wir haben eine Eye-Tracking-Studie gemacht, in der wir 45 Teilnehmer, darunter auch Frauen und homosexuelle Männer, haben auf Frauen und weiblich aussehende Roboter schauen lassen. Die Probanden guckten signifikant länger auf den Kopf der echten Frau.“ Warum? Die Sozialpsychologinnen nehmen an, dass Menschen Motivation und Gefühle in einem Gesicht aus Fleisch und Blut ablesen, nicht aber in dem eines Roboters.

Alles also doch halb so wild, was die Pärchenbildung von Mann und Robo-Frau angeht? „Stellen Sie sich vor, Sie finden heraus, dass ihr Partner Sex hatte mit entweder dieser Dame oder diesem menschen- oder maschinenähnlichen Roboter. Wie reagieren Sie?“ wollte Szczuka online von 848 Frauen wissen und konfrontierte sie mit einem dieser drei Gedankenexperimente. Überraschend: Die Teilnehmerinnen waren jeweils gleich eifersüchtig. „Sowohl die menschliche Nebenbuhlerin als auch die Roboter sorgten im gleichen Maße dafür, dass sie sich nicht attraktiv genug und unzulänglich fühlten.“

Szczuka und Krämer waren davon ausgegangen, dass die negativen Gefühle gegenüber den echten Frauen evolutionsbedingt viel größer hätte sein müssen, alleine schon weil beim Seitensprung mit einer Frau ein Kind gezeugt werden könnte und die Gefahr groß ist, den Partner zu verlieren. „Anderseits gibt es aber auch Studien, die gezeigt haben, dass Männer eifersüchtig reagieren – auf Vibratoren.“

 

Cathrin Becker

Zur Person:

Jessica Szczuka (29) studierte Angewandte Kognitions- und Medienwissenschaft an der UDE. Nach ihrer Dissertation will sie weiterhin zum Thema Roboter und Sex forschen.