Kommunale Hochschulpolitik: Hochschule – Zugpferd für die Stadt- und Regionalentwicklung

Kai Gehring
Mitglied des Deutschen Bundestages

Universitäten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen sind und waren Impulsgeber für die Entwicklung von Stadt und Region. Zahlreiche gute Beispiele vor Ort zeigen, dass eine enge Kooperation von Kommunen und Hochschulen Anziehungskraft, Lebensqualität und Innovationskraft einer Stadt stark steigert.

Hartnäckig hält sich das Klischee der Universität als Elfenbeinturm, in dem weißbärtige Professoren nur ihrem Geist verpflichtet sind. Dieses Bild einer gesellschaftlich isolierten Institution geht an der Realität völlig vorbei. Zu einer ganzheitlichen Sicht auf eine Alma Mater – wörtlich „nährende Mutter“ – gehört, dass ihre Zöglinge für gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung einer Stadt sorgen. Gleichzeitig sind WissenschaftlerInnen und Studierende NutzerInnen der städtischen Infrastruktur – von Bus und Bahn über den Einzelhandel bis hin zur Kneipe.

Die Wechselbeziehungen von Stadt und Hochschule sind keine neue Entwicklung, sondern haben Tradition. Heidelberg ohne seine altehrwürdige Universität wäre nur eine kleine, abseitig gelegene Großstadt im Dunstkreis der Industrie- und Handelsmetropole Mannheim. Die Heidelberger Ruprecht-Karls-Universität – „das Juwel deutscher Gelehrsamkeit“ („The Time“) – strahlt nicht nur auf potenzielle Studierende und WissenschaftlerInnen aus, sondern auch auf die Stadt selbst. Touristengruppen von nah und fern lassen ihr Geld in der Stadt, um sich an der historischen Mischung aus Romantik und Humanistischen Bildungsideal zu berauschen.

Hochschulen als „Gelddruckmaschine“?

Die Bedeutung von Hochschulen für ihre jeweiligen Standorte ist enorm. Das gilt sowohl für die „Angebotseffekte“ zum Beispiel durch AbsolventInnen, die von ortsansässigen Unternehmen eingestellt werden, als auch für die „Nachfrageeffekte“ – also den Ausgaben, die Studierende und HochschulmitarbeiterInnen tätigen und häufig der lokalen Wirtschaft zugutekommen. Allein bei der einkommensschwächsten Gruppe – den Studierenden – kommen dabei beachtliche Beträge zusammen: Über 800 Euro hat eine Studentin bzw. ein Student laut 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks durchschnittlich pro Monat zur Verfügung. Das sind auf das Jahr gerechnet rund 10.000 Euro, die zu einem guten Teil die Kassen vor Ort klingeln lassen und lokale Kaufkraft ausmachen.

Die Entwicklung, Transparenz über die wirtschaftliche Bedeutung von Hochschulen zu schaffen, steht allerdings erst am Anfang. Exemplarisch hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für die TU Berlin errechnet, dass die Ausgaben der Technischen Universität eine Bruttowertschöpfung von 533 Millionen Euro mit sich brachten. Dabei seien die Effekte, die durch die Verbesserung des Arbeitskräfteangebots, durch Ausgründungen, Kooperationen oder Unternehmensgründungen ausgehen, nicht einmal vollständig zu beziffern. Von den Ausgaben der TU Berlin hängen nach Berechnung des DIW umgerechnet rund 11.000 Arbeitsplätze ab. Ein Segen angesichts überdurchschnittlich hoher Arbeitslosenzahlen in der Bundeshauptstadt.

Kooperations- und Ansprechpartner für die regionale Wirtschaft

Universitäten, Fachhochschulen und Forschungsinstitute sind bedeutende Ansprechpartner für die regionale Wirtschaft. Auf dem Weg zur Wissensgesellschaft bieten sie Innovations- und Problemlösungskompetenz. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ist die Kooperation mit Hochschulen entscheidende Voraussetzung für Innovationen. Denn KMUs sind aufgrund begrenzter eigener Ressourcen noch mehr auf das Forschungs-, Kreativitäts- und Problemlösungspotenzial von Hochschulen angewiesen.

Von Technologietransferstellen über Forschungsdatenbanken bis hin zu Stiftungsprofessuren und gemeinsam gegründeten Instituten reicht das Spektrum der Kooperationsmöglichkeiten. Unmittelbar profitiert die Kommune von lokalen Existenzgründungen aus der Hochschule, den akademischen Spin-Offs. Ein Großteil der wachstumsstarken Unternehmensgründungen geht zurück auf AbsolventInnen bzw. MitarbeiterInnen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Lebensraum Wissensstadt

Die Hochschulentwicklung ist längst zur Standortpolitik für morgen geworden. Es wäre jedoch zu kurz gedacht, Hochschulen auf ihre Funktion als Arbeitsorte oder Zulieferbetriebe für die regionale Wirtschaft zu reduzieren. Die gesellschaftlichen Ansprüche und Anforderungen an die Hochschulen steigen und ändern sich. Universitäten und Fachhochschulen sind:
• zentrale Lern- und Lebensorte der Wissensgesellschaft, die Teilhabe, gerechte Chancen und hohe Qualität in Forschung, Lehre und Studium verwirklichen sollen,
• kreative und innovative Kerne, die wissenschaftliche, ökonomische, ökologische und soziale Innovationen zu zentralen Fragen entwickeln,
• Problemlöser, Impulsgeber und Berater für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie
• Orte kritischer Reflexion, an denen sich Gesellschaft selber denkt und Beiträge für das Gemeinwesen leistet.

Hochschulen fördern dabei die Kreativität einer Kommune und strahlen über die eigenen Stadtgrenzen hinaus. Es gilt, attraktive Standortbedingungen für wissenschaftliche Einrichtungen und ihr Personal zu schaffen. Eine besondere Rolle spielt dabei die inländische und internationale Anziehungskraft („Brain Circulation“) der Region. Dazu gehören attraktive Forschungs- und Arbeitsbedingungen sowie eine hohe Lebensqualität durch kulturelle Angebote, ein gesellschaftliches Willkommensklima sowie die gute Vereinbarkeit von Studium und Elternschaft oder Wissenschaft und Familie.

Hand in Hand: Hochschulprofilierung und Stadtprofilierung

Studierende tragen im besonderen Maß dazu bei, einer Stadt ein positives und modernes Image zu verleihen. Sie sind Treiber für die kreative Entwicklung eines Stadtviertels oder gar einer ganzen Stadt. Zusammen mit den WissenschaftlerInnen sind sie eine Bereicherung des geistig-kulturellen Klimas einer Kommune. Dieses Potenzial anzuziehen und durch gute Perspektiven zu halten, ist eine wichtige Aufgabe für ein strategisches Stadtmarketing und zielgruppenorientierte Angebote.

Stadtmarketing ist dabei mehr als eine Werbekampagne. Es ist idealerweise Teil einer klugen Stadtentwicklungsstrategie und -profilierung. Vor ähnlichen Herausforderungen, im Wettbewerb um Studierende und WissenschaftlerInnen attraktiv zu sein, stehen auch die Hochschulen. Größere Autonomie und Eigenständigkeit haben ihnen Raum gegeben für Profilbildung, Leitbildentwicklung und den Aufbau neuer Organisations- und Managementstrukturen. Es ist eine gewaltige Chance für Stadt und Hochschule, auf diese Herausforderung mit einer integrierten Strategie für eine gemeinsame Stadt- und Hochschulprofilierung zu antworten.

Hochschule öffne dich!

Profilierung ist besonders wirkungsmächtig, wenn die Hochschulen ihre vielfältige Ausrichtung auch mit einer aktiven Öffnung gegenüber bisher unterrepräsentierten Gruppen verbinden. In Kooperation mit Schulen, Verbänden, Vereinen sowie engagierten Studierenden und BürgerInnen sollen Jugendliche aus bildungsfernen Schichten, mit Migrationshintergrund oder auch mit beruflicher Qualifikation gezielt angesprochen und gefördert werden.

Erste Hochschulen beschreiten bereits diesen Weg – zum Beispiel die Universität Duisburg-Essen. Diversity-Management heißt das Prinzip, mit dem die Ruhrgebietshochschule ihre Tore weit macht für potenzielle Bildungsaufsteiger – ohne wissenschaftliche Exzellenz dabei aus dem Blick zu verlieren. Zusammen mit privaten Stiftern hat die Hochschule u.a. ein Stipendienprogramm entwickelt, dass sich bereits an SchülerInnen aus Elternhäusern mit Migrationshintergrund richtet, um sie für ein Studium zu gewinnen. Durch eine frühe und kontinuierliche Förderung sollen so möglichst früh Hemmschwellen gesenkt werden. Damit wird die Uni der gesellschaftlichen Vielfalt in der Metropolregion Ruhr gerecht.

Umgekehrt kümmern sich die Studierenden bereits aktiv um „ihre“ Stadt: Mit dem Programm „UniAktiv“ unterstützt die Hochschule einen „Service Learning“-Ansatz – also einer Verbindung von akademischen Lernen mit gemeinwohlorientierten Engagement. Studierende und Lehrende haben zahlreiche Service Learning-Seminare und Projekte mit gesellschaftlichem Bezug umgesetzt. Hunderte gemeinnützige Einrichtungen konnten vom bürgerschaftlichen Engagement profitieren – das Einsatzgebiet reicht dabei von der Unterstützung von SchülerInnen über die Begleitung von SeniorInnen bis hin zum Aufbau eines Vereins, der sich um die kostenfreie medizinische Versorgung von Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung kümmert.

„Jungbrunnen“ Universität

Studierende sichern in Zeiten des demografischen Wandels die Attraktivität ihrer Städte. Das wird insbesondere in den Regionen deutlich, wo der Prozess demografisch bedingter Schrumpfung bereits eingesetzt hat. Sowohl die Hochschulstädte im Osten als auch im Ruhrgebiet verzeichnen einen vergleichsweise geringen Bevölkerungsrückgang, oder befinden sich sogar auf Wachstumskurs wie die Ruhrmetropolen Essen und Dortmund. Stadtplaner der Universität Essen-Duisburg führen dies unmittelbar auf die vielfältige und attraktive Hochschulen und die dichte Wissenschaftslandschaft im Revier zurück.

Die Chance, über örtliche Hochschulen zu Bevölkerungswachstum, zusätzlichen Einnahmen und einem positiven Image zu kommen, ist vor dem Hintergrund des anhaltenden Studierendenbooms aktuell so groß wie selten zuvor. Ein Ende des Studierendenhochs ist nicht abzusehen. In ihrer neuesten Prognose erwartet die Kultusministerkonferenz, dass bis 2025 die Studienanfängerzahl nicht unter 450.000 pro Jahr sinkt.

Kräfte bündeln für das Studierendenhoch

Den vielen zusätzlichen Erstsemstern ausreichend Studienplätze anzubieten, deutlich mehr WissenschaftlerInnen einzustellen und die soziale Infrastruktur im Studium – Wohnheime, Mensen, Beratungsangebote – auszubauen, ist eine gewaltige Kraftanstrengung von Bund und Ländern.

Doch auch die Kommunen sind gefordert und vielfach bereits aktiv, den akademischen Nachwuchs zu unterstützen, z.B. bei Wohnungs- und Nebenjobsuche, mit Freizeitangeboten, Sponsoring- und Praktika-Angeboten der Wirtschaft oder mit Willkommenskultur für Studierende mit Erstwohnsitz am Studienort. Um Studieren mit Kind zu ermöglichen, wird zudem eine abgestimmte Kinderbetreuungsinfrastruktur immer wichtiger.

Hochschulpolitik ist nicht nur Landes- und Bundessache, sondern auch zukunftsorientierte Kommunalpolitik. Die Vernetzung von Hochschulen, Wirtschaft und Kommunen legt das Fundament für eine gute regionale Entwicklung und hochqualifizierte Arbeitskräfte und liefert einen wichtigen Beitrag, den ökologisch-sozialen Umbau von Gesellschaft und Ökonomie zu stemmen.